Bucht keine Traurednerin.
Jedenfalls nicht für eine schöne Rede.
Ich muss euch die Wahrheit sagen. Liebe Kolleginnen und Kollegen, verzeiht mir. Ich wende mich direkt an alle Brautpaare: Wenn ihr nur schöne Worte hören wollt, spart euch das Geld.
Was Cousine Katja und Chatti können
Gebt Cousine Katja eure wichtigsten Daten. Lasst sie Chatti öffnen. Vielleicht hat sie sogar die Bezahlversion. Es wird schön. Vielleicht sogar rührend. Denn Chatti kann wunderbar formulieren, und Cousine Katja schafft es bestimmt, den Text fehlerfrei vorzulesen.
Aber Chatti hat euch nicht zugehört. Er hat nicht bemerkt, wann ihr beide plötzlich still werdet. Er kann keinen Raum lesen, und er kann keinen Raum halten. Und eine Trauung ist kein gut vorgelesenes Textdokument.
Für schöne Sätze allein solltet ihr keine Traurednerin bezahlen. Wofür dann?
Was Chatti schreibt
Nehmen wir ein Paar, das sich auf einer Karnevalsparty kennengelernt hat. Chatti macht daraus ungefähr das: Es war Karneval vor zehn Jahren. Sie kam als Prinzessin. Er als Cappuccino. Kein Märchenprinz, kein Ritter: ein Cappuccino. Und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, brauchte sie nur einen einzigen Blick. Dann war es um die Prinzessin geschehen.
Kitschig. Aber nicht schlecht, oder?
Was ich mache
Ich stelle mich hin und sage: „Was für ein süßer Cappuccino.“ Und dann nichts. Fünf Sekunden lang halte ich die Stille aus.
Was für ein süßer Cappuccino. Das war ihr erster Gedanke. Damals. Vor zehn Jahren.
Sie war viel zu spät dran auf dieser Karnevalsparty, ihre Bahn war ausgefallen. Müde, die ganze Woche durchgearbeitet, endlich Freitag. Eigentlich wollte sie gar nicht mehr hin, nur noch auf die Couch. Aber sie hatte ihrer Freundin schon vor Wochen zugesagt. Also raffte sie sich auf und warf sich das Prinzessinnenkostüm vom letzten Jahr über.
Und dann saß sie in dieser stickigen Kneipe. Vor ihr zwei Freunde in lächerlichen Kostümen: einer als Barista verkleidet, der andere als Cappuccino. In diesem Moment drehte der Cappuccino sich um. Ihre Blicke trafen sich, und sie musste plötzlich lächeln. Und sie weiß heute noch ganz genau, was sie damals gedacht hat.
„Was für ein süßer Cappuccino.“ Und plötzlich sitzt niemand mehr bei einer Trauung. Alle sind in dieser stickigen Kneipe. Vor zehn Jahren. Mitten in ihrem Anfang.
Genau dafür bezahlt ihr
Nicht für die Informationen. Nicht einmal für den Text. Die Fakten hatte Chatti auch: Karneval, Prinzessin, Cappuccino, ein Blick. Was er nicht hatte, war die ausgefallene Bahn, die Couch, die Zusage an die Freundin, der erste Gedanke: all das, was erst im Vorgespräch auftaucht, wenn jemand nachfragt, wo andere schon zufrieden wären.
Ihr bezahlt für das genaue Hinhören. Für Timing. Für unerwartetes Lachen. Für fünf Sekunden Stille an der richtigen Stelle. Dafür, dass eure Geschichte im Raum lebendig wird.
Ihr entscheidet
Wollt ihr eine schöne Rede hören? Oder eure Liebesgeschichte noch einmal erleben, so einzigartig, wie nur ihr es seid? Wenn es das Zweite ist, sucht mich. Oder eine meiner wunderbaren Kolleginnen, die genau das können. Aber bezahlt niemanden dafür, dass er vorliest.
