Der Tisch, den niemand deckt.
Wir behandeln uns selbst schlechter, als wir jeden Gast behandeln würden.
Es gibt eine Ungleichbehandlung, die so selbstverständlich ist, dass sie niemandem auffällt. Sie betrifft dich und deine Gäste.
Was wir für andere tun
Kommt Besuch, wird der Tisch gedeckt.
Ein Tuch vielleicht, die guten Gläser, eine Kerze. Wir räumen auf, wir kaufen ein, wir nehmen uns Zeit, wir hören zu. Wir würden niemandem einen Teller auf dem Knie hinstellen und dabei auf das Telefon schauen.
Uns selbst bieten wir genau das an. Fast jeden Abend.
Warum das kein Zufall ist
Wir haben gelernt, dass Aufwand etwas ist, das man anderen schuldet. Für sich selbst gilt er als übertrieben. Für einen allein einen Tisch zu decken kommt vielen albern vor, fast peinlich.
Dahinter steht eine Annahme, die selten ausgesprochen wird: dass das eigene Leben eine Nebensache ist, die zwischen den Terminen stattfindet. Wichtig wird es erst, wenn jemand zuschaut.
Würde ist nichts, das man nur anderen schuldet.
Was ein gedeckter Tisch verändert
Nicht das Essen. Es schmeckt genauso.
Was sich ändert, ist der, der daran sitzt. Ein gedeckter Tisch stellt eine Behauptung auf: Hier isst jemand, der es wert ist. Diese Behauptung lässt sich nicht aufstellen und gleichzeitig nebenbei behandeln.
Es ist kein Aufwand. Es ist eine Haltung.
Und wer sich dabei albern vorkommt, hat den Punkt bereits verstanden. Das Gefühl der Albernheit ist der Beweis, dass man sich selbst für weniger hält als für einen Gast.
Wo dieselbe Ungleichbehandlung sonst noch steckt
Der Tisch ist nur die sichtbarste Stelle. Es gibt andere, und die meisten davon fallen niemandem auf, weil sie so lange dieselben sind.
- Wir ziehen uns für Termine an und für uns selbst das, was oben liegt.
- Wir hören anderen zu und uns selbst erst, wenn etwas wehtut.
- Wir planen Zeit für alle ein und behalten für uns die Reste.
- Wir entschuldigen uns für Unordnung, die niemand bemerkt hätte.
Nichts davon ist schlimm. Zusammen ergibt es eine Auskunft darüber, wo man sich selbst einsortiert hat.
Was Kinder daran lernen
Ein Kind, das mit einem gedeckten Tisch aufwächst, lernt daran etwas, das mit Manieren nichts zu tun hat. Es lernt, dass Menschen einen Aufwand wert sind.
Und es lernt es nicht daran, wie du Gäste behandelst. Es lernt es daran, wie du dich behandelst, wenn keine da sind.
Das ist der unangenehmere Teil. Kinder übernehmen nicht, was wir ihnen sagen. Sie übernehmen, was wir uns selbst zugestehen.
