Schwellen

Der Tisch, den niemand deckt.

Wir behandeln uns selbst schlechter, als wir jeden Gast behandeln würden.

Daria Pfeiffer mit ihrem kleinen Sohn, die beiden sprechen miteinander
Kinder übernehmen, was wir uns selbst zugestehen.
Schwellen 3. August 2026 · 3 Minuten

Es gibt eine Ungleichbehandlung, die so selbstverständlich ist, dass sie niemandem auffällt. Sie betrifft dich und deine Gäste.

Was wir für andere tun

Kommt Besuch, wird der Tisch gedeckt.

Ein Tuch vielleicht, die guten Gläser, eine Kerze. Wir räumen auf, wir kaufen ein, wir nehmen uns Zeit, wir hören zu. Wir würden niemandem einen Teller auf dem Knie hinstellen und dabei auf das Telefon schauen.

Uns selbst bieten wir genau das an. Fast jeden Abend.

Warum das kein Zufall ist

Wir haben gelernt, dass Aufwand etwas ist, das man anderen schuldet. Für sich selbst gilt er als übertrieben. Für einen allein einen Tisch zu decken kommt vielen albern vor, fast peinlich.

Dahinter steht eine Annahme, die selten ausgesprochen wird: dass das eigene Leben eine Nebensache ist, die zwischen den Terminen stattfindet. Wichtig wird es erst, wenn jemand zuschaut.

Würde ist nichts, das man nur anderen schuldet.

Was ein gedeckter Tisch verändert

Nicht das Essen. Es schmeckt genauso.

Was sich ändert, ist der, der daran sitzt. Ein gedeckter Tisch stellt eine Behauptung auf: Hier isst jemand, der es wert ist. Diese Behauptung lässt sich nicht aufstellen und gleichzeitig nebenbei behandeln.

Es ist kein Aufwand. Es ist eine Haltung.

Und wer sich dabei albern vorkommt, hat den Punkt bereits verstanden. Das Gefühl der Albernheit ist der Beweis, dass man sich selbst für weniger hält als für einen Gast.

Wo dieselbe Ungleichbehandlung sonst noch steckt

Der Tisch ist nur die sichtbarste Stelle. Es gibt andere, und die meisten davon fallen niemandem auf, weil sie so lange dieselben sind.

  • Wir ziehen uns für Termine an und für uns selbst das, was oben liegt.
  • Wir hören anderen zu und uns selbst erst, wenn etwas wehtut.
  • Wir planen Zeit für alle ein und behalten für uns die Reste.
  • Wir entschuldigen uns für Unordnung, die niemand bemerkt hätte.

Nichts davon ist schlimm. Zusammen ergibt es eine Auskunft darüber, wo man sich selbst einsortiert hat.

Was Kinder daran lernen

Ein Kind, das mit einem gedeckten Tisch aufwächst, lernt daran etwas, das mit Manieren nichts zu tun hat. Es lernt, dass Menschen einen Aufwand wert sind.

Und es lernt es nicht daran, wie du Gäste behandelst. Es lernt es daran, wie du dich behandelst, wenn keine da sind.

Das ist der unangenehmere Teil. Kinder übernehmen nicht, was wir ihnen sagen. Sie übernehmen, was wir uns selbst zugestehen.

Daria Pfeiffer
Daria Pfeiffer Freie Rednerin · Duisburg & NRW · über 100 Zeremonien

Ich begleite Menschen bei den Übergängen, die zählen. Ich schreibe keine Standardreden — ich suche die Essenz eines Menschen und male sie in Worte. Meine Geschichte

Autorin von »In Zeremonie mit Dir«, »Eure Essenz« und »Wenn es Dich erwischt«.
Stilpunkte 2025 & 2026 · Zertifizierte Freie Rednerin (IHK Köln).

Häufige Fragen.

Schwellen
Warum fühlt es sich albern an, für sich allein den Tisch zu decken?

Weil Aufwand gesellschaftlich als etwas gilt, das man anderen schuldet. Sobald niemand zuschaut, wirkt er überflüssig. Das Gefühl sagt weniger über den Tisch aus als über den eigenen Rang in der eigenen Rangfolge.

Gilt das nur für Menschen, die allein leben?

Nein. In Haushalten mit mehreren Menschen verschiebt sich die Frage nur: Dort wird der Aufwand für Gäste betrieben und für die eigene Familie unterlassen. Das Muster ist dasselbe.

Ist das nicht nur Ästhetik?

Am Tisch schon. Der Unterschied entsteht nicht beim Ansehen, sondern beim Sitzen. Wer an einem vorbereiteten Platz isst, isst langsamer und bemerkt, was auf dem Teller liegt.

Was, wenn abends dafür keine Zeit bleibt?

Dann bleibt sie nicht. Es ist keine Pflicht und kein Programm. Ein einziger Abend in der Woche reicht aus, um den Unterschied zu kennen, und die anderen dürfen bleiben, wie sie sind.

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