Der Stein am See.
Was nach einer Trauerfeier bleibt — und was ich damit mache.
Was machst Du da mit dem Stein, Mama. Irgendwie fühle ich mich ertappt.
Sie gehen nicht sofort wieder
Die Menschen, die ich auf ihrer trauerfeier ehren durfte, begleiten mich danach noch eine ganze Zeit in Gedanken. Das habe ich nicht erwartet und lange nicht erzählt.
Ich habe keinen von ihnen persönlich gekannt. Und trotzdem entsteht etwas, das ich nicht anders als eine Verbindung nennen kann. Ich werde so nah in ein Leben gelassen, dass ich Dinge weiß, die viele Bekannte nicht wissen — von den Erfolgen, von den Träumen, von der dunkelsten Zeit.
Nicht, weil ich nachgeforscht hätte. Weil eine Familie sich entschieden hat, es einer Fremden zu erzählen, damit ein Mensch einmal vollständig beschrieben wird. Dafür empfinde ich Dankbarkeit. Und Demut.
Manchmal denke ich, sie haben sich mich für ihre letzte Feier ein bisschen mit ausgesucht.
Die Dankbarkeit hat eine falsche Adresse
Den Familien kann ich das sagen. Ich tue es auch, meistens am Ende, wenn der Raum sich leert.
Aber dem Menschen selbst. Wie richte ich es dem aus.
Das ist keine spirituelle Frage, jedenfalls nicht für mich. Es ist ein praktisches Problem: Da ist etwas, das irgendwohin muss, und es gibt keinen Ort dafür. Wer diese Arbeit macht, sammelt Leben. Man kann sie nicht alle behalten und man kann sie nicht einfach ablegen.
Also der Stein
Wenn ich am See bin, suche ich einen Stein für den Menschen aus. Das dauert manchmal eine Weile, bis ich den richtigen finde, und ich könnte nicht erklären, woran ich ihn erkenne.
Dann schreibe ich den Namen darauf, nehme ihn in die eine Hand, umschließe ihn mit der anderen und sage, was ich sagen möchte. Es ist nie viel. Meistens weniger als in der Rede.
Und dann werfe ich den Stein in den See.
Ich lasse los und sage Danke.
Warum ich das brauche
Ich habe keine Theorie dazu und behaupte nicht, dass es etwas bewirkt. Es bewirkt etwas bei mir, und das genügt mir.
Was ich beobachten kann: Solange ich es nicht getan habe, ist der Mensch nicht fertig. Er kommt in Gedanken zurück, oft an ungünstigen Stellen — beim Autofahren, mitten in einem Gespräch über etwas ganz anderes. Nach dem Stein ist er nicht weg. Er ist nur nicht mehr offen.
Das ist wahrscheinlich derselbe Mechanismus, den ich in Vorgesprächen ständig beschrieben bekomme, und ich habe lange gebraucht, um zu merken, dass er auch für mich gilt. Etwas Unfertiges bleibt in Bewegung, bis ihm jemand einen Zeitpunkt gibt.
Heute war mein Sohn dabei
Sonst bin ich dabei allein. Erst habe ich mich ein wenig geschämt, es ihm zu erzählen — weil es seltsam klingt, wenn man es ausspricht, und weil man einem Kind nicht erklären möchte, dass man Steine nach Menschen benennt, die gestorben sind.
Er hat etwas altklug, aber zustimmend genickt. Und gesagt, er möchte das auch mit mir machen, weil es doch liebe Menschen waren, das hätte ich ja gesagt.
Ja. Es waren liebe Menschen.
Weshalb das hier steht
Ich erzähle das nicht als Empfehlung. Es ist keine Methode, es steht in keinem meiner Bücher, und ich glaube nicht, dass es für andere Menschen dasselbe täte.
Es steht hier, weil Angehörige mich manchmal fragen, ob mich diese Arbeit nicht belastet — vorsichtig, meist auf dem Weg zur Tür. Die Antwort ist: doch, sie tut es. Nicht so, wie sie es meinen, aber sie tut es.
Und weil ich möchte, dass die Familien, die mir ihre Geschichte anvertraut haben, eines wissen. Ihr Mensch war nicht ein Auftrag unter vielen, der nach dem Nachmittag abgeschlossen war. Er hat noch eine Weile bei mir gewohnt. Und er hat einen Abschied bekommen, von dem niemand etwas wusste.
