Abschiede

Der Butterdealer.

Warum kleine Eigenheiten eine Trauerrede lebendig machen.

Stiller Raum bei einer Trauerfeier
Achtzig Menschen, die ihn kannten, und niemand erkennt ihn wieder
Abschiede 4. August 2026 · 6 Minuten

Der Butterdealer. Schon dieses Wort verrät etwas, das kein Lebenslauf erzählen würde. Ich liebe solche Geschichten, weil sie einen Menschen plötzlich mitten in den Raum zurückholen. Nicht als Sammlung von Daten und Stationen. Sondern so, wie er für seine Menschen wirklich war.

Das Abziehbild

Was in vielen Reden mit einem Menschen passiert, ist eine Glättung. Er war gütig. Sie war immer für andere da. Er hatte ein großes Herz. Am Ende steht ein makelloses Abziehbild, auf das jeder Name passen würde.

Und dann sitzen achtzig Menschen im Raum, die ihn gekannt haben, und erkennen niemanden.

Der Grund dafür ist gut gemeint. Über Tote spricht man nur gut, der Satz meint eigentlich: nicht abwertend. Gelesen wird er als: nur schön. Das ist ein erheblicher Unterschied, und er kostet in jeder zweiten Trauerrede die Wiedererkennbarkeit.

Woraus ein Mensch tatsächlich besteht

  • Er konnte nicht einmal einen Nagel gerade in die Wand schlagen.
  • Er hat ein wenig zu laut geflucht, wenn sein Verein verloren hat.
  • Er hat über Witze gelacht, die deutlich unter der Gürtellinie lagen.
  • Sie hat jedes Telefonat mit demselben Satz begonnen, dreißig Jahre lang.
  • Sie hat nie zugegeben, dass sie den Weg nicht kennt.
  • Und er hatte einen Spitznamen, den heute niemand mehr erklären kann.

Nichts davon ist ein Makel. Es ist das, woran ein Mensch erkannt wird. Und in den meisten Fällen kommt beides aus derselben Quelle: Dafür wurde er geneckt, dafür wurde er aufgezogen, dafür wurde er geliebt.

Es geht nie darum, süße Worte zu finden. Es geht darum, sich echte zu trauen.

Drei Fragen, an denen es sich entscheidet

Die Frage ist nicht, ob eine Schwäche vorkommen darf. Sie ist, wem sie gehört.

  1. Hat der Mensch selbst darüber gelacht? Wenn ja, gehört die Sache ihm, und niemand nimmt sie ihm weg, indem er sie ausspricht.
  2. Wurde sie liebevoll benutzt oder gegen ihn? Der Spitzname aus dem Freundeskreis trägt. Der Spitzname von jemandem, der ihn ärgern wollte, gehört nicht in diesen Raum.
  3. Sitzt jemand da, der sich dadurch bloßgestellt fühlt? Der Verstorbene kann nicht mehr widersprechen. Seine Kinder können es.

Butterdealer besteht alle drei. Er hat getrunken besteht keine einzige, nicht, weil es unwahr wäre, sondern weil es niemandem gehört außer einer Krankheit.

Nicht zu verwechseln mit den schweren Kapiteln

Sucht, Härte, Jahre ohne Kontakt, ein Bruch, der nie geheilt ist. Das ist ein eigenes Thema mit eigenen Regeln. Hier geht es um das Harmlose.

Und genau darin liegt die eigentliche Beobachtung: Angehörige streichen selten das Schwere. Das erzählen sie, wenn der Rahmen stimmt. Sie streichen den Butterdealer, weil sie ihn für zu klein halten für einen so großen Anlass.

Es ist umgekehrt. Der Anlass ist groß, deshalb braucht er die kleinen Dinge. Aus Bedeutung allein lässt sich kein Mensch bauen.

Warum das Lachen dazugehört

In fast jeder Trauerfeier wird an einer Stelle gelacht. Meistens kurz, meistens überrascht, oft gefolgt von einem Blick, ob das erlaubt war.

Es war erlaubt. Dieses Lachen ist keine Pause von der Trauer und keine Erleichterung. Es ist der Beweis, dass jemand erkannt wurde. Ein Raum lacht nur über etwas, das er wiedererkennt.

Und es hat eine praktische Wirkung, die sich zuverlässig einstellt: Wer eben gelacht hat, weint danach leichter. Eine Rede ohne eine einzige helle Stelle hält den Raum die ganze Zeit auf derselben Höhe, und dort kommt er nicht mehr hinunter.

Wie ein solches Detail in die Rede kommt

Nicht als Anekdote mit Aufbau und Pointe. Als Nebensatz.

„Er konnte keinen Nagel gerade in die Wand schlagen, und er hat es sein Leben lang trotzdem selbst versucht.“ Der Satz macht zwei Dinge gleichzeitig: Er erzeugt ein Bild, und er benennt einen Charakterzug, ohne ihn zu benennen.

Was nicht funktioniert, ist die ausgebaute Geschichte über drei Minuten, die mit „und da mussten wir alle lachen“ endet. Ein Raum entscheidet selbst, wann er lacht, und er lässt sich dabei nicht anleiten.

Zum Spitznamen

Vorher klären, wer ihn benutzt hat. Ein Name aus dem Sportverein trägt in der Halle nur, wenn der halbe Verein da ist, sonst hören dreißig Menschen ein Wort, das ihnen fremd ist, und verlieren den Anschluss.

Wenn er trägt, dann früh und ohne Erklärung. Ein Spitzname, der erklärt werden muss, ist bereits keiner mehr.

Echte Worte für ein echtes Leben

Wir dürfen aufhören, so zu tun, als löse sich mit dem Sterben die Persönlichkeit eines Menschen auf und als bliebe nur die vorzeigbare Hälfte übrig.

Ein Mensch löst sich mit dem Tod nicht in seine gute Hälfte auf.

Wer in einer Rede so vorkommt, wie er war, wird zweimal geehrt. Einmal dafür, dass es ihn gab. Und einmal dafür, dass jemand genau genug hingesehen hat, um ihn wiederzuerkennen.

Daria Pfeiffer
Daria Pfeiffer Freie Rednerin · Duisburg & NRW · über 100 Zeremonien

Ich begleite Menschen bei den Übergängen, die zählen. Ich schreibe keine Standardreden. Ich suche die Essenz eines Menschen und male sie in Worte. Meine Geschichte

Autorin von »In Zeremonie mit Dir«, »Eure Essenz« und »Wenn es Dich erwischt«.
Stilpunkte 2025 & 2026 · Zertifizierte Freie Rednerin (IHK Köln).

Häufige Fragen.

Abschiede
Darf man in einer Trauerrede über Schwächen sprechen?

Ja, wenn die Eigenart dem Menschen selbst gehörte und liebevoll benutzt wurde. Ein geglättetes Bild ehrt niemanden, weil es auf jeden passen würde.

Woran erkenne ich, welche Eigenart in die Rede gehört?

An drei Fragen: Hat er selbst darüber gelacht. Wurde sie liebevoll benutzt oder gegen ihn. Und sitzt jemand im Raum, der sich dadurch bloßgestellt fühlen würde.

Darf bei einer Trauerfeier gelacht werden?

Ja, und in fast jeder Feier passiert es. Das Lachen ist kein Bruch mit der Trauer, sondern das Zeichen, dass ein Mensch wiedererkannt wurde. Danach weint der Raum leichter.

Gehört ein Spitzname in die Trauerrede?

Wenn ihn viele Anwesende kennen: ja, früh und ohne Erklärung. Ein Spitzname, der erklärt werden muss, wirkt nicht mehr.

Was ist der Unterschied zwischen einer Eigenart und einem schweren Kapitel?

Eine Eigenart gehört dem Menschen und wurde liebevoll benutzt. Ein schweres Kapitel, Sucht, Brüche, Härte, folgt anderen Regeln und braucht eine eigene Entscheidung. Wenn ich eine Trauerrede schreibe, suche ich nicht nach dem möglichst außergewöhnlichen Lebenslauf. Ich suche nach Dingen, bei denen im Raum jemand unwillkürlich lächelt oder nickt. Ein besonderer Einkauf, ein Satz, eine Marotte. Etwas, das auf dem Papier beinahe unwichtig wirkt und in einer Familie ganze Geschichten auslöst. Solche Erinnerungen müssen nicht immer schmeichelhaft sein. Liebe ist meistens genauer als ein glattgebügeltes Bild. Wer einen Menschen wirklich kannte, kann über seine kleinen Widersprüche sprechen. Natürlich mit Respekt. Und immer mit Blick darauf, welche Geschichten die Familie teilen möchte. Eine gute Rede muss nicht aus einem Menschen einen Helden machen. Es reicht, wenn seine Menschen ihn für einen Moment wiedersehen. Weiterlesen: Eine Rede, die nicht von vorne erzählt. · Eine Trauerrede schreiben.

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