Die Zeitreise.
Sechs Jahre lag dieser Brief unter der Erde.
„Ich bin schon so gespannt, was aus der 14-Jährigen wird, die gerade vor mir sitzt.“ Diesen Satz habe ich 2020 geschrieben. Heute haben wir die Antwort ausgegraben.
2020
Anna-Sophie wird 14. Und ich habe ihr versprochen, dass wir etwas richtig Cooles machen. Nach Düsseldorf fahren, essen gehen, shoppen — einfach einen richtig schönen Tag miteinander verbringen.
Aber es ist 2020. Corona macht unsere Pläne unmöglich. Und man wird schließlich nur einmal 14.
Also überlegte ich mir etwas anderes: ein Mondschein-Picknick. Ja, eine 14-Jährige hätte sich bestimmt etwas anderes gewünscht. Aber es war das einzige „Besondere“, das wir machen konnten.
Mein Sohn sitzt damals noch im Kinderwagen. Ich dekoriere ihn mit einer Lichterkette und schleppe alles mit, was irgendwie geht: Decken, Kissen, Lichter, Wunderkerzen.
Wir machen es uns in einem Aussichtsturm gemütlich. Wir schreiben Briefe — Anna-Sophie schreibt an ihr zukünftiges Ich. Wir machen Polaroids. Alles kommt in eine Kiste, und wir vergraben sie. Mit dem Versprechen: An ihrem 20. Geburtstag holen wir sie wieder heraus.
Heute
Dieser 20. Geburtstag war heute.
Die 14-Jährige mit der Wunderkerze ist heute eine selbstbewusste, 20-jährige Frau. Das Kleinkind aus dem Kinderwagen hat die Kiste selbst mit ausgebuddelt.
Dann öffnet Anna-Sophie ihren Brief. Und die 20-jährige Frau liest die Worte vor, die das 14-jährige Mädchen an sie geschrieben hat. Und das hatte etwas so Anrührendes an sich, dass ich noch immer nicht ganz meinen Finger darauf legen kann.
Ich schaue auf die alten Polaroids — und begegne darauf auch mir selbst. Ich bin noch immer ich. Aber ich bin längst nicht mehr die Frau auf diesem Bild.
Für einen Augenblick sind wir alle gleichzeitig da: das 14-jährige Mädchen, das Kleinkind im Kinderwagen, die Frau, die ich damals war — und die Menschen, die wir heute sind.
Wir wollten Anna-Sophie damals eine Zeitreise schenken. Aber eigentlich haben wir sie uns allen geschenkt.
Warum ich das erzähle
Hätten wir diesen Tag einfach hinter uns gebracht, wäre er nur der Geburtstag geblieben, an dem wegen Corona nichts möglich war.
Stattdessen haben wir ihm Licht gegeben. Worte. Ein kleines Abenteuer. Und einen Platz unter der Erde.
Dieser Tag zählt.
Die symbolische Handlung hat diesen Geburtstag nicht erst wertvoll gemacht. Aber sie hat seinem Wert eine Form gegeben, die wir sechs Jahre später wiederfinden konnten.
Und genau danach suche ich auch in meiner Arbeit. Nicht nach Handlungen, die man macht, weil man sie eben so macht. Sondern nach einer Form, die sagt: Dieser Moment bedeutet uns etwas. Wir waren hier.
Nicht jeder Moment muss groß werden. Aber es lohnt sich, die bedeutsamen nicht einfach vorbeiziehen zu lassen. Manchmal schenken wir damit nicht nur unserem heutigen Ich eine Erinnerung — sondern auch dem Menschen, der wir einmal sein werden.
