Zweimal wollte ich absagen.
Über Angst, Mut und eine Reise nach Kap Verde.

Zweimal wollte ich diese Reise absagen. Nicht, weil ich keine Lust hatte. Sondern weil zwischen meinem Wunsch und dem Losgehen erstaunlich viele Ängste standen. Als Mutter, als Frau, als jemand, die lange gelernt hat, zuerst an alles andere zu denken. Ich erzähle das nicht, weil eine Reise besonders mutig klingt. Sondern weil ich mich darin selbst wiedererkannt habe.
Zweimal aus Angst
Zweimal wollte ich absagen. Zweimal aus Angst.
Angst vor meinem eigenen Mut. Angst, ein paar Tage ohne mein Kind zu sein. Angst, meiner Verantwortung nicht gerecht zu werden. Angst, meinen Träumen zu nah zu kommen. Angst vor der Sichtbarkeit. Angst davor, das zu verkörpern, was längst in mir lebt.
Denn es ging um Erlaubnis. Darum, sie mir selbst zu geben.
Vielleicht fragt ihr euch: Vier Tage verreisen: wo ist das Problem. Doch die meisten Mamas wissen, wovon ich spreche. Von diesem ständigen Zwiespalt zwischen grenzenloser Liebe, für die wir alles tragen und dem Wissen, dass wir uns selbst nicht verlieren dürfen.
Vielleicht
Ich stand schon einmal an diesem Punkt. Vor ein paar Jahren. Damals lasen wir das Buch „Vielleicht“.
Ich las es und hatte einen so dicken Kloß im Hals. Ich las meinem Kind vor und gleichzeitig mir. Wie konnte ich mir all das von Herzen für ihn wünschen und es mir selbst verwehren.
Ich mache diese Reise auch für mein Kind. Weil es zu oft gesehen hat, wie ich mich klein gemacht habe. Immer mit guten Gründen. Immer im Glauben, es zu schützen. Doch ich weiß heute: Es war nicht richtig.
Mein Kind soll eine mutige Mama haben. Eine, die für sich einsteht. Denn wie könnte ich anderen sagen, ihr dürft alles sein, was ihr wollt, und selbst in meinen Ängsten gefangen bleiben.
Die Prüfung
Ja, es gibt Menschen, die dir nicht nur Steine, sondern ganze Felsblöcke in den Weg legen. Ich habe meine Angst geprüft: War es wirklich meine. Oder wurde sie mir auferlegt.
Diese Reise hat mich viel gekostet. Hinsehen. Meinen Selbstwert prüfen. Zweifel auspacken. Ängste benennen. Und dann noch einmal. Und noch einmal.
Bin ich sie los? Nein. Aber ich bin mit ihnen hier. Und das ist okay.
Sie haben nicht gesiegt. Ich bin mit ihnen geflogen.
Ka tem stress
Cap Verde, dieses Paradies, von dem ich vorher nichts gewusst habe, hat mir etwas gezeigt: Angst verschwindet nicht, wenn man sie verdrängt oder ihr erliegt, sondern wenn man ihr die Stirn bietet.
Ich war so voller Zweifel. Trotz allem habe ich auf meine Intuition gehört. Die war kaum mehr zu verstehen, aber sie hat doch leise geflüstert.
Hier, zwischen Meer, Wind und Sonne, ist mir leichter ums Herz geworden. Ich darf Freude zulassen. Denn wenn mein Herz aufgeladen ist, werde ich selbst zur Quelle: für alle Menschen um mich herum.
„Ka tem stress: no stress.“ Ein leises Versprechen, das langsam in mich einsickert. Vielleicht komme ich mit Rasterzöpfen zurück. Vielleicht aber auch mit diesem Rhythmus von Inseln, Ozean und Licht im Herzen. Auf jeden Fall mit neuen Freunden.
Was bleibt
Es ist nicht leicht, für die eigenen Träume loszugehen. Sanfte Leben bauen sich nicht von selbst. Man geht los mit zitternden Händen, mit Fragen im Gepäck und mit einer Sehnsucht, die größer ist als die Angst.
Aber jeder Schritt zahlt sich irgendwie aus. Weil ein erfülltes Leben nicht laut entsteht, sondern leise: dort, wo man sich endlich erlaubt, dem zu folgen, was man wirklich ist.
Und ja: Es ist nicht einfach. Aber es ist es wert. Jedes Mal.
Der Unterschied zwischen Verantwortung und Angst
Ich habe mir viele Fragen gestellt. Welche davon waren praktisch und mussten geklärt werden? Und welche hielten mich zurück, obwohl die organisatorischen Dinge längst geregelt waren? Es war wichtig, beides nicht miteinander zu verwechseln. Verantwortung lässt sich prüfen und vorbereiten. Angst erzählt manchmal dieselbe Geschichte immer wieder, auch wenn man längst eine Antwort hat.
Diese Unterscheidung hat mir geholfen. Nicht weil dann plötzlich alles leicht war. Sondern weil ich wieder selbst entscheiden konnte, ob ich fahren möchte. Ich wollte meinem Kind nicht beibringen, immer mutig aussehen zu müssen. Ich wollte ihm zeigen, dass man auch mit zitternden Händen losgehen darf.
Ich bin mit Angst gefahren. Und mit Freude. Beides durfte mit. Vielleicht war genau das die wichtigste Erfahrung dieser Tage.
Weiterlesen
Übergänge ohne Namen. · Der alte Mann in der Bahn.
Wer die Frau hinter diesen Zeilen kennenlernen will.
Über mich