Niemals könnte ich euch verwechseln.
Über eine Sorge, die niemand ausspricht — und was dieser Beruf wirklich ist.
Es gibt eine Frage, die mir fast nie gestellt wird. Ich sehe sie trotzdem — in einem Zögern im Vorgespräch, in einem Blick: Sind wir für dich eine von vielen.
Zuerst das
Niemals könnte ich die Geschichten, die mir anvertraut werden, durcheinanderbringen.
Jedes Leben ist einzigartig. Und mein Anspruch ist es, bei jeder Trauerfeier den Menschen mit meinem ganzen Talent zu ehren — zu zeigen, wie schön er war.
Diese Geschichten sind unersetzbar und bedeuten für ihre Familien die Welt. Und auch für mich bedeuten sie alles — in dem Moment, in dem ich über sie sprechen darf.
Warum sich Geschichten nicht verwechseln lassen
Die Sorge ist verständlich. Wer viele Zeremonien hält, könnte irgendwann Namen vertauschen, Anekdoten verrutschen lassen, Bausteine wiederverwenden. So stellt man es sich vor, wenn man sich Reden als Produkte denkt.
Aber eine Rede ist kein Produkt aus Bausteinen. Sie entsteht aus einem vorgespräch, in dem Menschen mir Dinge erzählen, die sie so noch nie erzählt haben. Wer einmal zwei Stunden mit einer Familie am Tisch gesessen hat, verwechselt sie mit niemandem mehr. Nicht, weil das Gedächtnis so gut wäre. Weil die Begegnung so tief war.
Man verwechselt keine Menschen, denen man wirklich begegnet ist.
Was in diesen Begegnungen passiert
Manchmal kann ich kaum fassen, welche intensiven Begegnungen mir meine Arbeit schenkt. Wie Trauer, Liebe, Dankbarkeit und sogar Freude plötzlich ineinanderfließen, als hätten sie nie etwas anderes getan. Dass sie nebeneinander existieren dürfen.
Wie aus eigentlich Fremden ein Moment tiefer Verbindung entsteht. Echt. Unverstellt. Warm.
Dass meine Worte ein Stück Heilung berühren dürfen. Und dass jedes Mal ein kleiner Teil in mir selbst mitheilt.
Kein Beruf wie jeder andere
Mein Job ist nicht wie jeder andere. Ich rette keine Leben, ich forsche nicht an Krankheiten — aber ich bin an einem wichtigen Wendepunkt ganz nah bei den Menschen. Das gibt meiner Arbeit Bedeutung.
Zeremonien halten wir, wenn das Leben anhält. Ich bin da in dieser Pause — und irgendwie drückt sie auch mein Leben kurz auf Pause.
Jede Zeremonie ist einzigartig und immer aufs Neue eine Herausforderung. Manche lassen mich nachdenklicher zurück, manche dankbarer. Aber immer spüre ich: Das hier ist kein Beruf wie jeder andere. Es ist ein Geschenk. Und so sorgsam behandele ich es.
Was das für euch heißt
Wenn ihr vor der Wahl steht und euch fragt, ob ihr bei einer Rednerin mit voller Auftragslage in guten Händen seid: Fragt es. Laut. Es ist eine berechtigte Frage, und ihr habt ein Recht auf eine ehrliche Antwort.
Meine ist diese: Ich liebe, was ich tue. Menschen zu spiegeln, sichtbar zu machen, für all das, wofür im Alltag die Worte fehlen. In dem Moment, in dem eure Geschichte bei mir liegt, gibt es keine anderen.