Abschiede

„Bitte entschuldigen Sie, dass mein Mann so langweilig war.“

Wenn ein stilles Leben erzählt werden soll.

Kerzenlicht in einem stillen Raum
Vierzig Jahre, von denen sie glaubte, sie ließen sich nicht erzählen
Abschiede 8. September 2026 · 5 Minuten

„Bitte entschuldigen Sie, dass mein Mann so langweilig war.“ Diesen Satz muss man erst einmal hören. Als freie Rednerin höre ich darin nicht einfach eine Beschreibung. Ich höre die Sorge, dass das gelebte Leben vielleicht nicht reichen könnte für eine gute Rede. Dabei beginnt für mich genau hier die eigentliche Arbeit.

Kein Leben ist langweilig.

Keine Beziehung. Keine Liebe. Kein Leben. Nicht eines.

Nein, er war nicht langweilig. Er war besonders. Weil er für sie besonders war. Und genau das habe ich allen auf der Trauerfeier noch einmal vor Augen geführt: wie besonders er war. Welch ein Privileg, diesen Mann gekannt zu haben.

Was hinter diesem Satz steckt

Es ist selten Bescheidenheit. Es ist ein Vergleich, der schiefgeht.

Menschen wissen, wie Geschichten normalerweise klingen. Große Reisen. Eine Karriere. Ein Schicksalsschlag, der überwunden wurde. Ein Satz, den man auf eine Karte drucken kann.

Und dann sitzen sie im Vorgespräch, suchen nach Höhepunkten und finden: Alltag. Vierzig Jahre dieselbe Werkstatt. Sonntags Kuchen. Ein Garten. Ein Auto, das nie in die Werkstatt musste, weil er es selbst reparierte.

Sie halten das für zu wenig. Und deshalb entschuldigen sie sich.

Woran ein Mensch tatsächlich sichtbar wird

Nicht an dem, was er erreicht hat. An dem, was er verlässlich getan hat.

  • Er hat jeden Morgen zwei Tassen Kaffee gemacht, auch in den Jahren, in denen sie keinen mehr trank.
  • Er hat nie über Geld gesprochen, aber es war immer da, wenn jemand es brauchte.
  • Er hat bei jeder Familienfeier abgewaschen, ohne dass jemand ihn darum bat.
  • Er hat seine Kinder nie gelobt. Er hat sie angesehen, und sie wussten es.
  • Er hat dieselbe Jacke achtzehn Jahre getragen und jedes Jahr behauptet, sie sei neu.

Das ist kein Ersatz für eine große Geschichte. Das ist die Geschichte. Ein Leben besteht nicht aus Ereignissen, sondern aus Wiederholungen. Wer vierzig Jahre dasselbe getan hat, hat vierzig Jahre lang etwas gemeint.

Ich bin kein Lautsprecher. Ich bin ein Spiegel, in dem ihr eure Schätze entdecken könnt.

Warum die Angehörigen es nicht sehen

Weil sie mittendrin standen. Was man täglich erlebt, wird unsichtbar. Nicht unwichtig: unsichtbar.

Das ist der Teil meiner Arbeit, den ich am meisten liebe. Ich nehme nichts weg und füge nichts hinzu. Ich halte etwas hoch, das die ganze Zeit da war, und drehe es so, dass das Licht darauf fällt.

Und dann passiert im Vorgespräch fast immer dasselbe: Erst kommt der entschuldigende Satz. Dann kommt eine Stunde, in der ich kaum mitschreiben kann.

Wenn du selbst sprechen willst

Dann such nicht nach dem Besonderen. Such nach dem Wiederkehrenden.

Frag dich nicht, was er erreicht hat. Frag dich, was du an ihm erkannt hast, sobald er einen Raum betrat. Was er immer gesagt hat. Wie er auf schlechte Nachrichten reagiert hat. Was in seiner Jackentasche war.

Das trägt. Und es trägt besser als jede Aufzählung von Jahreszahlen. Wenn es um Macken und Eigenarten geht, also um das, was liebevoll gegen ihn verwendet wurde, gilt eine eigene Regel, und die steht an anderer Stelle.

Was am Ende bleibt

Diese Frau hat sich am Ende der Feier bei mir bedankt. Nicht dafür, dass ich schöne Worte gefunden hatte. Dafür, dass sie ihren Mann noch einmal gesehen hat.

Er war nicht langweilig. Er wurde nur nie erzählt.

Daria Pfeiffer
Daria Pfeiffer Freie Rednerin · Duisburg & NRW · über 100 Zeremonien

Ich begleite Menschen bei den Übergängen, die zählen. Ich schreibe keine Standardreden. Ich suche die Essenz eines Menschen und male sie in Worte. Meine Geschichte

Autorin von »In Zeremonie mit Dir«, »Eure Essenz« und »Wenn es Dich erwischt«.
Stilpunkte 2025 & 2026 · Zertifizierte Freie Rednerin (IHK Köln).

Häufige Fragen.

Abschiede
Was, wenn es über den Verstorbenen nichts Besonderes zu erzählen gibt?

Dann wurde meist nach der falschen Sache gesucht. Ein Leben zeigt sich nicht in Ereignissen, sondern in Wiederholungen: in dem, was ein Mensch verlässlich getan hat.

Muss eine Trauerrede von großen Momenten erzählen?

Nein. Große Momente machen einen Menschen selten wiedererkennbar. Der Alltag tut es, weil ihn alle im Raum mitgeteilt haben.

Warum halten Angehörige ein Leben für unauffällig?

Weil sie mittendrin standen. Was täglich passiert, wird unsichtbar, nicht unwichtig. Von außen ist es meist sofort erkennbar.

Was hilft, wenn ich selbst eine Rede schreiben soll?

Nicht nach Höhepunkten suchen, sondern nach dem Wiederkehrenden. Was hat er immer gesagt, immer getan, immer bei sich gehabt. Nicht jedes Leben ist voller Reisen, mutiger Berufswechsel und Geschichten, bei denen ein Raum begeistert lacht. Manche Menschen waren einfach zuverlässig da. Sie haben denselben Weg zur Arbeit genommen, die Zeitung gefaltet, am Wochenende ihre Dinge erledigt. Und sie haben mit dieser Beständigkeit das Leben anderer getragen.

Ich frage dann nicht nach einem spektakulären Ereignis, das wir zur Not größer machen könnten. Ich frage danach, wie sich diese Verlässlichkeit angefühlt hat. Wer konnte sich auf ihn verlassen?

Welche Gewohnheit fehlt jetzt? Für die Menschen, die bleiben, sind das selten langweilige Fragen. Ich frage dann, woran man merkte, dass dieser Mann nach Hause gekommen war. Was er am Sonntag gern tat. Wem er zuerst half, wenn etwas kaputtging. Es klingt beinahe zu gewöhnlich für eine Trauerrede. Aber genau darin steckt für seine Familie der Mensch, der nun nicht mehr da ist. Eine Rede muss keinen künstlichen Spannungsbogen über ein stilles Leben legen. Sie darf zeigen, dass Verlässlichkeit, Humor oder ruhige Fürsorge ein Leben prägen können. Und wenn ein Angehöriger dann sagt: „Ja, genau so war er“, weiß ich, dass die Worte angekommen sind. Ein Leben muss nicht außergewöhnlich wirken, um unersetzlich gewesen zu sein. Es muss nur wahrhaftig erzählt werden. Weiterlesen: Eine Trauerrede schreiben. · Wenn das Verhältnis schwierig war.

Sprechen wir

Wenn ihr eine Zeremonie sucht,
die sich anfühlt wie ihr,
dann schreibt mir.

Anfragen