Schwellen

Dafür habe ich keine Zeit.

Der häufigste Einwand gegen all das ist kein Argument. Er ist ein Ausruf.

Daria Pfeiffer mit ihrem Sohn im Wald, er balanciert über einen umgestürzten Baum
Zwischen Kind, Arbeit und allem anderen.
Schwellen 3. August 2026 · 3 Minuten

Wenn ich davon erzähle, kommt fast immer derselbe Satz zurück. Er kommt schnell, und er klingt nicht nach Nachdenken. Er klingt nach Abwehr.

Der Einwand hat recht

Ich hatte diese Zeit auch nicht.

Mit Kind. Mit Arbeit. Mit Haushalt. Mit allem, was niemand sieht und was trotzdem jemand erledigt.

Wer in so einem Leben hört, er solle abends drei Seiten schreiben oder morgens zehn Minuten still sitzen, hat recht, wenn er ablehnt. Das ist keine Entlastung. Das ist ein weiterer Posten in einem Tag, der schon voll ist.

Der Einwand richtet sich deshalb nicht gegen die Sache. Er richtet sich gegen alles, was bisher unter diesem Namen angeboten wurde.

Was meine Arbeit mir gezeigt hat

Ich begleite Menschen an den bedeutendsten Tagen ihres Lebens. Bei Hochzeiten. Bei Abschieden. Bei Anfängen.

Was mir dabei aufgefallen ist, hat mit diesen Tagen selbst wenig zu tun. An solchen Tagen ist nicht mehr Zeit da, im Gegenteil. Was anders ist, ist die Aufmerksamkeit. Alle sehen hin. Und dadurch fühlt sich ein Tag verändert an, ohne dass sich an seinem Ablauf irgendetwas geändert hätte.

Nicht das Leben verändert sich zuerst. Sondern der Blick darauf.

Ich habe danach nicht angefangen, alles anders zu machen. Ich habe weitergelebt wie vorher.

Ruhiger wurde nicht der Tag. Ruhiger wurde es in mir.

Was es für den Kalender bedeutet

Nichts.

Es kommt kein Termin dazu, und es fällt keiner weg. Der Haushalt bleibt. Die Arbeit bleibt. Das Kind bleibt wach, wenn es wach bleiben will.

Was sich ändert, ist nur, dass eine Minute, die ohnehin vergeht, nicht mehr unbemerkt an dir vorbeigeht.

Das ist keine Selbstoptimierung. Du wirst dadurch nicht produktiver. Und es ist keine Routine, die du durchhalten musst. Eine Minute, die ausfällt, hinterlässt keine Lücke und keine Schuld.

Warum eine Minute genügt

Weil es nie um Dauer ging. Eine Stunde, in der du an etwas anderes denkst, verändert weniger als dreißig Sekunden, in denen du da bist.

Und weil eine Minute die einzige Größe ist, die in ein volles Leben passt, ohne etwas anderes zu verdrängen. Alles Größere muss sich seinen Platz nehmen. Genau daran scheitert es.

Was danach nicht passiert

Das Rad dreht sich nicht plötzlich langsamer. Wer das verspricht, verspricht zu viel.

Was aufhört, ist etwas anderes. Der Unterschied zwischen einem vollen Leben und einem, das einen verschluckt, liegt nicht in der Menge. Er liegt darin, ob man selbst noch darin vorkommt.

Du musst dein Leben nicht verändern. Es genügt, es anzusehen.

Daria Pfeiffer
Daria Pfeiffer Freie Rednerin · Duisburg & NRW · über 100 Zeremonien

Ich begleite Menschen bei den Übergängen, die zählen. Ich schreibe keine Standardreden — ich suche die Essenz eines Menschen und male sie in Worte. Meine Geschichte

Autorin von »In Zeremonie mit Dir«, »Eure Essenz« und »Wenn es Dich erwischt«.
Stilpunkte 2025 & 2026 · Zertifizierte Freie Rednerin (IHK Köln).

Häufige Fragen.

Schwellen
Wie viel Zeit braucht eine Zeremonie im Alltag?

Zwischen zehn Sekunden und einer Minute. Sie kommt nicht zum Tag hinzu, sondern liegt in einem Moment, der ohnehin stattfindet, etwa beim ersten Schluck oder an der Tür.

Ist das eine neue Routine?

Nein. Eine Routine muss durchgehalten werden und erzeugt ein schlechtes Gewissen, sobald sie ausfällt. Hier fällt nichts aus, weil nichts vorgesehen war.

Hilft das gegen Überforderung?

Nicht gegen die Ursache. Die Menge an Aufgaben bleibt dieselbe. Was sich ändert, ist, ob man in dieser Menge noch vorkommt. Bei anhaltender Erschöpfung ersetzt das keine ärztliche oder therapeutische Hilfe.

Muss man dafür etwas glauben?

Nein. Es setzt keinen Glauben voraus und schließt keinen aus. Wer betet, kann es hineinlegen. Wer nicht betet, verliert nichts dabei.

Sprechen wir

Wenn ihr eine Zeremonie sucht,
die sich anfühlt wie ihr —
dann schreibt mir.

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