Das Handwerk

Noch nicht einmal ein Vaterunser.

Wann ein Gebet zu einer freien Trauerfeier passt.

Kerzenlicht in einem stillen Raum
Die Feier gehört dem Menschen. Nicht den Erwartungen im Raum
Das Handwerk 1. September 2026 · 4 Minuten

„Noch nicht einmal ein Vaterunser.“ In solchen Sätzen steckt manchmal mehr als eine Frage nach Religion. Es steckt eine Vorstellung davon, wie ein richtiger Abschied auszusehen hat. Ich nehme diese Vorstellungen ernst. Aber ich möchte nicht, dass sie wichtiger werden als der Mensch, den wir verabschieden.

Am Grab

Ein älterer Herr trat auf mich zu. Sein Blick herausfordernd. Seine Stimme laut: Noch nicht einmal ein Vaterunser.

Ich hielt seinem Blick stand. Der Impuls war da: erwidern, verteidigen, erklären. Aber ich wusste im selben Moment: Mein Schweigen und ein fester Blick sagen genug.

Das war weder der Ort noch der Moment für Erklärungen. Dem Abschied dieses Menschen wäre es nicht würdig gewesen.

Was er nicht wissen konnte

Ja, ich glaube an Gott. Ich hätte ihm das Vaterunser auf Latein aufsagen können.

Aber der Mensch, wegen dem wir alle dort standen, hätte damit nichts anfangen können. Er glaubte an Werte. An Moral. An Verlässlichkeit zwischen Menschen. Nicht an Gott.

Dafür war ich da. Ich habe ihn geehrt. Gefeiert. Mit allem, was ich geben konnte.

Aber nicht gebetet.

Die Feier gehört dem Menschen. Nicht den Erwartungen im Raum.

Worum es wirklich geht

Was viele nicht sehen können: Eine Haltung wie die dieses Mannes hat nichts mit Religiosität zu tun. Sie hat mit Anmaßung zu tun: sich anzumaßen, es besser zu wissen als der Mensch, um den getrauert wird.

Wer glaubt, weiß: Gott liebt. Jeden und immer. Ein Gebet, das über den Kopf eines Verstorbenen hinweg gesprochen wird, der es nie gewollt hätte, ehrt niemanden. Es beruhigt nur den, der es einfordert.

Was frei wirklich heißt

Freie Rede bedeutet nicht, gegen Gott zu sein. Sie bedeutet, den Menschen in den Fokus zu stellen, und damit Gott still einzuladen.

Dafür braucht es kein Vaterunser. Es darf eines geben, wenn der Mensch und seine Familie es sich gewünscht hätten, und dann bete ich es vor. Nicht als Ablauf, sondern authentisch, weil ich glaube. Aber es braucht vor allem eines: Respekt vor dem Leben und den Entscheidungen anderer Menschen.

Das ist in meinen Augen echte Nächstenliebe.

Daria Pfeiffer
Daria Pfeiffer Freie Rednerin · Duisburg & NRW · über 100 Zeremonien

Ich begleite Menschen bei den Übergängen, die zählen. Ich schreibe keine Standardreden. Ich suche die Essenz eines Menschen und male sie in Worte. Meine Geschichte

Autorin von »In Zeremonie mit Dir«, »Eure Essenz« und »Wenn es Dich erwischt«.
Stilpunkte 2025 & 2026 · Zertifizierte Freie Rednerin (IHK Köln).

Häufige Fragen.

Das Handwerk
Wird bei einer freien Trauerfeier gebetet?

Wenn der Verstorbene und die Familie es sich wünschen: ja. Dann bete ich vor: authentisch, weil ich selbst glaube. Wenn der Mensch nicht geglaubt hat: nein, auch dann nicht, wenn einzelne Gäste es erwarten.

Ist eine freie Trauerfeier gegen die Kirche?

Nein. Sie stellt den Menschen in den Fokus statt einer Liturgie. Gebet und Fürbitte haben Platz, wenn sie gewünscht sind, als Option, nicht als Voraussetzung. Eine freie Trauerfeier ist nicht automatisch eine Feier ohne Glauben. Wenn Gebete, religiöse Bilder oder ein bestimmter Segen zur Familie und zum verstorbenen Menschen gehören, können wir darüber sprechen. Ebenso darf eine Familie sich bewusst gegen religiöse Sprache entscheiden. Ich werde nichts hineinnehmen, nur weil es sich für Außenstehende vollständiger anhört. Entscheidend ist für mich, dass die Worte ehrlich sind. Ein vertrautes Vaterunser kann trösten. Es kann aber auch fremd klingen, wenn niemand im Raum damit etwas verbindet. Die richtige Frage lautet deshalb nicht: Was muss man bei einer Trauerfeier sagen? Sondern: Was war diesem Menschen und seinen Angehörigen wichtig? Ich hätte diesem Mann mein eigenes Verhältnis zum Glauben erklären können. Aber in diesem Moment ging es nicht um meine Biografie und auch nicht um seine Erwartungen. Es ging um den Menschen, den wir gerade verabschiedet hatten. Seine Überzeugungen waren in der Vorbereitung deutlich geworden. Genau an ihnen hatte ich mich orientiert. Das heißt nicht, dass kritische Fragen grundsätzlich keinen Platz haben. Sie brauchen nur einen passenden Ort und einen passenden Zeitpunkt. Am Grab, unmittelbar nach einer Zeremonie, hätte eine Diskussion vor allem Aufmerksamkeit von den Trauernden abgezogen. Ich wünsche mir, dass Menschen sich bei einem freien Abschied nicht fragen müssen, ob ihre Feier einem fremden Maßstab genügt. Sie dürfen darauf vertrauen, dass wir gemeinsam die Worte wählen, die zu diesem Leben gehören. Ich möchte nicht automatisch ein Gebet einbauen und auch nicht automatisch darauf verzichten. Ich frage, was der verstorbene Mensch geglaubt hat, welche Sprache in der Familie vertraut ist und was sich für den Abschied richtig anfühlt. Manchmal findet ein Segen seinen Platz. Manchmal ist eine nichtreligiöse Rede der ehrlichere Weg. Wichtig ist, dass die Entscheidung bewusst getroffen wird. Ich habe verstanden, dass ich meine Entscheidung nicht jedem Anwesenden erklären muss. Es reicht, wenn sie in der Vorbereitung sorgfältig mit denjenigen getroffen wurde, die diesen Abschied gestalten. Das heißt nicht, dass die Fragen anderer unwichtig sind. Aber nicht jede Frage braucht in jedem Moment eine Antwort. Gerade bei einer Trauerfeier sind manche Menschen in großer Verletzlichkeit zusammengekommen. Der Raum gehört zuerst ihnen. Ich darf an meiner eigenen Haltung festhalten, ohne den Abschied zu einer Diskussion über meine Person zu machen. Vielleicht ist das manchmal die stillste Form von Professionalität: zu wissen, wann man nicht zurückspricht. Der Glaube bleibt Teil meines Lebens. Aber er gibt mir nicht das Recht, im Namen eines anderen Menschen religiöse Worte auszusprechen, die er selbst nicht wollte. Ein Abschied braucht Würde. Aber Würde lässt sich nicht allein daran erkennen, ob ein bestimmtes Gebet gesprochen wurde. Weiterlesen: Wie eine Trauerfeier abläuft. · Wohin ein Mensch kommt.

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