Abschiede

Was ins Trauergespräch mitkommen darf.

Fotos, Gegenstände, Sätze und Menschen. Und was zu Hause bleiben kann.

Die Rednerin im Gespräch
Was gebraucht wird, zeigt sich am Tisch.
Abschiede 10. November 2026 · 4 Minuten

Viele Familien kommen zum Trauergespräch mit einer Mappe. Darin stehen Geburtsdatum, Schulabschluss, Arbeitgeber, Hochzeitstag. Sie haben sich Mühe gegeben. Und meistens brauche ich davon fast nichts.

Ein Trauergespräch ist kein Interview über ein Leben. Es ist der Moment, in dem ich einen Menschen kennenlerne, den ich nie getroffen habe. Dafür helfen mir keine Jahreszahlen. Es helfen mir die Dinge, an denen ihr ihn sofort erkennen würdet.

Wie das Trauergespräch in den gesamten Ablauf einer Trauerfeier passt, steht in der Übersicht zum Ablauf. Warum in diesem Gespräch auch Schweres erzählt werden darf, steht im Text über den sicheren Raum. Hier geht es um etwas Praktisches: was in dieses Gespräch mitkommt und wer.

Was zu Hause bleiben kann

Ein vollständiger Lebenslauf. Eine Liste aller Stationen. Eine Rede, die jemand schon angefangen hat. Die organisatorischen Dinge, Musik, Uhrzeit, Ablauf, besprechen wir in der ersten halben Stunde ohnehin gemeinsam. Danach geht es nur noch um den Menschen.

Was mitkommen darf

Ein Gegenstand

Manchmal bringt jemand etwas mit, ohne es anzukündigen. Eine Lesebrille. Einen Schlüsselbund. Und hält es das ganze Gespräch über fest. Irgendwann frage ich danach. Fast immer steckt in diesem Gegenstand eine Geschichte, die sonst nicht erzählt worden wäre.

Fotos

Nicht die offiziellen. Die schiefen, die verwackelten, die vom Grillabend. Auf einem Foto sehe ich, wie jemand stand, wie er lachte, was er anhatte, wenn niemand hinsah. Das findet seinen Weg in die Rede, auch wenn das Foto selbst nie gezeigt wird.

Die Sätze

Ein Lieblingsspruch. Eine Redewendung, über die alle die Augen verdreht haben. Manchmal ein WhatsApp-Status, der noch auf dem Handy steht. Darin ist die Stimme eines Menschen oft noch ganz da. In fast jeder Rede, die ich schreibe, steht ein Satz, den der Verstorbene selbst gesagt hat.

Ein Gericht

Ich frage fast immer, was es bei euch zu essen gab. Nicht wegen des Essens. Am Tisch zeigt sich, wie eine Familie war. Wer gekocht hat, wer zu spät kam, wer immer den letzten Löffel bekam.

In einer Lesebrille, einem Rezept und einem schiefen Satz steckt mehr als in jedem Lebenslauf.

Wer mitkommen darf

Zu einem Trauergespräch darf jeder kommen, der etwas beitragen möchte. Es gibt keine Begrenzung. Die Tochter erinnert sich anders als der Bruder, die Nachbarin anders als der Enkel. Wer nicht kommen kann, kann vorher etwas aufschreiben oder eine Sprachnachricht schicken. Je mehr Blickwinkel am Tisch sitzen, desto weniger flach wird das Bild.

Auch die Stimmen, die zögern, gehören dazu. Wer am Tisch leise wird oder sich zurückhält, zeigt mir oft, wo eine Rede vorsichtig sein muss.

Wenn es schwer wird

In fast jedem Trauergespräch kommt ein Moment, in dem jemand nicht weitersprechen kann. Ich lasse diese Momente stehen. Niemand muss sich entschuldigen, niemand muss sich zusammenreißen. Ein Trauergespräch darf Pausen haben, in denen nur geweint wird.

Oft kommen genau nach solchen Pausen die wichtigsten Sätze. Wenn die vorbereitete Version erzählt ist, beginnt die echte. Meistens leise, oft mit einem „Aber eigentlich …“ am Anfang.

Was mit dem Gesagten passiert

Alles, was im Trauergespräch erzählt wird, bleibt bei mir. Ich weiß danach mehr über eine Familie, als in der Rede stehen wird, und das ist richtig so. Nicht jede Geschichte vom Küchentisch ist für hundert Gäste bestimmt. Manche wurden nur erzählt, damit ich verstehe. Diese Unterscheidung treffe ich beim Schreiben, und ich treffe sie zugunsten der Menschen, die mir vertraut haben.

Was außer der Rede besprochen wird

Zu Beginn des Gesprächs geht es um die praktischen Dinge. Welche Musik läuft beim Hereinkommen, in der Mitte, zum Abschied. Wer möchte selbst etwas sagen. Ein Wortbeitrag aus der Familie kommt bei mir vor der Rede, nicht danach, damit die Rede am Ende alles zusammenführen kann. Ob es ein Ritual geben soll, eine Kerze, Blüten, einen letzten Gruß. Nach etwa einer halben Stunde ist das geklärt. Dann ist der Kopf frei für das, worum es eigentlich geht.

Was am Ende gefragt wird

Niemand liest meine Rede vorher. Dafür stelle ich am Ende des Gesprächs zwei Fragen: Was soll auf keinen Fall erwähnt werden? Und was sollen alle über diesen Menschen wissen? Danach geht ihr nach Hause, und ich setze mich an den Schreibtisch.

Vorbereiten müsst ihr euch auf dieses Gespräch nicht. Es reicht, dass ihr kommt. Was gebraucht wird, zeigt sich am Tisch, meistens dann, wenn der Kaffee schon kalt ist.

Daria Pfeiffer
Daria Pfeiffer Freie Rednerin · Duisburg & NRW · über 100 Zeremonien

Ich begleite Menschen bei den Übergängen, die zählen. Ich schreibe keine Standardreden. Ich suche die Essenz eines Menschen und male sie in Worte. Meine Geschichte

Autorin von »In Zeremonie mit Dir«, »Eure Essenz« und »Wenn es Dich erwischt«.
Stilpunkte 2025 & 2026 · Zertifizierte Freie Rednerin (IHK Köln).

Häufige Fragen.

Abschiede
Muss man sich auf das Trauergespräch vorbereiten?

Nein. Hilfreich sind ein paar Fotos und vielleicht ein Gegenstand, der zu dem Menschen gehört. Alles andere entsteht im Gespräch.

Wer darf beim Trauergespräch dabei sein?

Alle, die etwas beitragen möchten. Es gibt keine Begrenzung. Wer nicht kommen kann, kann etwas aufschreiben oder eine Sprachnachricht schicken.

Liest die Familie die Trauerrede vorher?

Bei mir nicht. Ich bitte um Vertrauen und frage dafür am Ende des Gesprächs ausdrücklich, was nicht erwähnt werden soll und was alle wissen sollen.

Was wird im Trauergespräch außer der Rede besprochen?

Musik, mögliche Wortbeiträge aus der Familie, ein Ritual und der Ablauf. Das dauert etwa eine halbe Stunde. Danach geht es nur noch um den Menschen.

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