Der errechnete Termin.
Über einen Tag, den nach einer Fehlgeburt oft nur die Eltern kennen.

Er kommt. Auch wenn die App gelöscht ist. Der Körper hat sich das Datum gemerkt, und irgendwo zählt etwas weiter.
Viele Frauen werden am errechneten Termin von einer Traurigkeit überrascht, für die sie zuerst keinen Grund finden. Bis sie nachrechnen. Der Tag steht in keinem Kalender außer dem eigenen, und oft nicht einmal mehr dort. Niemand sonst weiß, dass heute ein Kind hätte kommen sollen.
Warum Verluste in der frühen Schwangerschaft so wenig Platz bekommen, steht im Text über den Abschied von einem Sternenkind. Hier geht es um die Tage danach, die wiederkommen.
Warum dieser Tag so schwer ist
Der errechnete Termin ist der Tag, auf den alles zugelaufen ist. Mit ihm war ein Bild verbunden: ein Krankenhausflur, eine gepackte Tasche, der erste Schrei. Nach einer Fehlgeburt verschwindet dieses Bild nicht. Es bleibt an seinem Datum hängen.
Und er trifft oft dann, wenn das Umfeld längst nicht mehr daran denkt. Monate später. In einer Woche, in der alles normal zu sein scheint.
Eine Freundin von mir ist an diesem Tag zur Arbeit gegangen. Sie hat Kaffee gekocht, Mails beantwortet, mittags mit den Kolleginnen gegessen. Sie hat so getan, als wäre nichts. Und sie hat es den ganzen Tag gewusst. Jede Stunde. Niemand um sie herum hatte eine Ahnung, weil niemand je von der Schwangerschaft erfahren hatte. Am Abend hat sie es mir erzählt, nebenbei, als wäre es eine Kleinigkeit. Es war keine.
So sieht dieser Tag für viele aus. Nicht wie ein Zusammenbruch. Wie ein ganz normaler Tag, der innen ein anderer ist.
Wer den Tag kennt, wird nicht von ihm überfallen. Er geht ihm entgegen.
Ihn kommen sehen
Wer das Datum kennt und es sich bewusst einträgt, wird nicht von ihm überfallen. Der Tag ist dann keine Wunde, die plötzlich aufgeht, sondern eine Verabredung.
Was an diesem Tag geschieht, kann sehr klein sein. Ein Licht am Abend. Ein Besuch an dem Ort, an dem das Kind bleiben darf, wenn es einen gibt. Ein Satz, laut oder leise: Heute wärst du gekommen. Mehr braucht es oft nicht.
Und ein Mensch, der vorher Bescheid bekommt. Morgen ist der Tag. Damit niemand fragt, warum man so still ist. Und damit einer da ist, der es weiß.
Wenn der Tag schon vorbei ist
Manche merken erst hinterher, dass der errechnete Termin war. Sie hatten ihn vergessen, verdrängt, oder er ging in einer vollen Woche unter. Danach kommt oft ein schlechtes Gewissen dazu, als hätte man das Kind ein zweites Mal verloren.
Auch dann ist nichts versäumt. Ein Abschied kann an jedem Tag nachgeholt werden. Man kann sich einen eigenen Tag wählen, der von da an der Tag dieses Kindes ist. Der Kalender bestimmt nicht, wann Erinnern erlaubt ist.
Der Jahrestag
Ein Jahr nach dem Verlust kommt der zweite Tag dieser Art. Vielleicht ist er leichter als der erste. Das ist kein Verrat. Trauer wird nicht unbedingt kleiner. Aber das Leben um sie herum wird größer, und dadurch bekommt sie mehr Platz.
Manche nutzen den Jahrestag, um einen Brief wieder zu öffnen, den sie damals an ihr Kind geschrieben haben, und einen zweiten dazuzulegen. So entsteht über die Jahre etwas wie ein Briefwechsel mit jemandem, der nicht antwortet und trotzdem da ist.
Wenn ein weiteres Kind kommt
Viele werden nach einer Fehlgeburt wieder schwanger. Und erschrecken, weil da nicht nur Freude ist. Da ist Angst, natürlich. Und leiser etwas wie Untreue: als würde das neue Kind das alte verdrängen, als dürfte man sich nicht freuen, ohne zu verraten.
Ein zweites Kind ersetzt kein erstes. Es kommt dazu. Manche Eltern erzählen ihrem Kind später, dass vor ihm jemand war. Kinder tragen so etwas leicht, wenn man es ihnen leicht gibt.
Und wenn kein weiteres Kind kommt, weil es nicht sein kann oder nicht mehr sein soll, dann bleibt dieses eine das Kind. Nicht das erste. Das eine.
