Der alte Mann in der Bahn.
Über Isabel-Marant-Sneaker, Oxidationszahlen — und warum ich „Entweder oder“ noch nie mochte.
Manchmal denke ich noch an diesen alten Mann in der Bahn. Und sein Blick verfolgt mich bis heute.
2012
Ich studiere Modemanagement. Chuck hat Blair für ein Hotel getauscht. Die Grazia wurde frisch gelauncht.
Und meine Kommilitoninnen und ich nehmen den RE am Freitag nach der letzten Vorlesung. Wir lassen uns in anderthalb Vierern nieder und bequatschen, was wir am Wochenende machen wollen, wer die neuen Isabel-Marant-Sneaker schon live gesehen hat.
Und wahrscheinlich lasse ich mich irgendwann zu einem Satz hinreißen wie: „Wenn ich einen Monat nur Dosenravioli esse, kostet mich mein Essen 30 Euro. Dann kann ich mir die Louis doch auch kaufen.“
Der Mann mit dem Hut
Irgendwann diskutieren wir über den Muffin-Effekt bei Stiefeln. Neben meiner Freundin im Vierer sitzt ein älterer Mann mit Hut. Er hört uns zu, während er in seiner Zeitung liest. Ich sehe sein belustigtes Schmunzeln im Augenwinkel.
Mitten in einem leidenschaftlichen Erfahrungsbericht über „Magic Hair“ fragt meine Freundin plötzlich: „Sag mal, hatte Anne vorhin in der Vorlesung eigentlich recht? Hat Mangan in Kaliumpermanganat wirklich die Oxidationszahl +7?“
Ich schnappe mir die Grazia und male auf Heidi Klums Stirn: +1 + x − 8 = 0. „Ja. +7.“ Und plötzlich diskutieren wir, warum Sauerstoff −2 hat und wie sich Oxidationszahlen bei Redoxreaktionen verändern.
Ich werde seinen Blick nie vergessen. Er tat nicht mehr so, als lese er die Zeitung. Er starrte uns mit offenem Mund an. So überrascht über die Geschwindigkeit dieses Themensprungs, dass er es einfach nicht verbergen konnte.
Gerade noch Stiefel. Jetzt Redoxchemie.
Ja. Wir studierten Modemanagement. Aber das war nur unser Schwerpunkt. Eigentlich: Textil- und Bekleidungstechnik. Ein Ingenieurstudium. Bachelor of Science. Gefühlt 80 Prozent Mathematik, Chemie und Physik.
Dieser Blick war nicht der erste dieser Art. Aber der unverschleiertste. „Wie passt das denn jetzt zusammen?“
Warum eigentlich
Ich mochte dieses „Entweder oder“ noch nie. Entweder schön oder bedeutungsvoll. Entweder leicht oder tief. Entweder Pinterest oder Persönlichkeit. Warum eigentlich?
Ich liebe schöne Dinge. Ich kann mich sehr ernsthaft darüber freuen, wenn eine Serviette exakt den richtigen Cremeton hat. Und gleichzeitig möchte ich wissen: Warum genau diese Menschen? Warum dieser Tag? Was soll davon bleiben, wenn die Blumen längst verwelkt sind und niemand mehr weiß, welche Farbe die Tischdecke hatte?
Für mich widerspricht sich das nicht. Im Gegenteil. Schönheit ist bedeutsam. Details sind Liebe.
Eine Hochzeit darf aussehen wie aus einem Magazin. Und sich trotzdem so sehr nach euch anfühlen, dass kein Pinterest-Board dieser Welt sie hätte erfinden können.
Du willst beides
Und vielleicht kennst du genau das. Du bist viel. Und alles gleichzeitig.
Du willst diese Pinterest-Hochzeit, bei der jedes Detail stimmt. Und gleichzeitig willst du Bedeutung. Tiefe. Einen Moment, der wirklich etwas mit dir macht.
Schöne Blumen. Und echte Worte. Champagner. Und Gänsehaut. Leichtigkeit. Und Tiefe. Du willst nicht entweder oder. Du willst beides.
Mit mir musst du dich nicht entscheiden. Ich glaube nicht, dass Ästhetik oberflächlich ist. Und ich glaube nicht, dass Tiefe schwer aussehen muss.
Eure Hochzeit darf wunderschön sein. Und gleichzeitig verdammt viel bedeuten.
Vielleicht ist genau das die Art von freien Trauungen, die ich am meisten liebe: wunderschön fürs Auge. Und voller Dinge, die man nicht fotografieren kann.
