„Warum liebst du sie?“
Warum echte Antworten nicht aus Adjektiven bestehen.

„Warum liebst du sie?“ Auf diese Frage kommt erstaunlich oft zuerst eine Liste. Weil sie lustig ist. Weil er aufmerksam ist. Weil sie schön lacht. Alles nett. Alles wahr. Und trotzdem möchte ich manchmal noch eine Frage stellen: Woran merkst du es?
Die schönste Antwort ist die unbeholfenste.
Wenn überlegt wird und irgendwann ein hilfloses „oh Mann, keine Ahnung, ich lieb sie einfach“ kommt, dann freue ich mich. Denn diese auf den ersten Blick recht unbeholfene Antwort ist für mich die schönste überhaupt.
Sie offenbart etwas: bedingungslose Liebe.
Kein „ich liebe dich, weil“. Nur ein „ich liebe dich“.
Warum das Weil fehlt und trotzdem nichts fehlt
Ein Weil wäre eine Bedingung. Weil du mich zum Lachen bringst. Weil du so gut kochst. Weil du immer für mich da bist. Alles davon ist schön und alles davon könnte irgendwann aufhören.
Aus diesem Gefühl geliebt zu werden, tun wir natürlich gern etwas für den anderen. Gegenseitige Unterstützung gehört zu einer Beziehung. Aber nicht, um wertvoll zu sein oder überhaupt geliebt zu werden. Das werden wir nämlich bereits.
Eine freie Trauung in dieser Atmosphäre zu gestalten ist wunderbar. Es ist die Atmosphäre, in der niemand etwas beweisen muss.
Was das für euer Eheversprechen heißt
Viele Paare suchen für ihr Eheversprechen nach Begründungen. Nach der Liste der Eigenschaften, nach dem Beweis, warum genau dieser Mensch.
Ihr dürft die Liste weglassen. Ein Versprechen muss die Liebe nicht begründen. Es darf einfach von ihr erzählen. Was ihr tun werdet. Was ihr gesehen habt. Wofür ihr dankbar seid. Das Warum darf offen bleiben. Es ist die einzige Frage an diesem Tag, auf die „keine Ahnung“ die richtige Antwort ist.
Ich bin mir sicher: Die meisten Paare können sie nach acht Jahren immer noch nicht beantworten. Und genau das ist das Schönste daran.
Eine Antwort, die man sehen kann
Versucht einmal, ein Adjektiv durch eine Situation zu ersetzen. Statt „Er ist fürsorglich“ beschreibt, was er tut, wenn du krank bist. Statt „Sie ist humorvoll“ erinnert euch an den Moment, in dem ihr beide lachen musstet, obwohl ihr eigentlich gerade etwas anderes vorhattet. Diese Kleinigkeiten müssen weder spektakulär noch beneidenswert sein.
Manchmal führt die Frage nach dem Warum auch an Grenzen. Niemand muss Liebe lückenlos begründen können. Vielleicht ist die ehrlichste Antwort, dass man sich in Gegenwart dieses Menschen gesehen fühlt. Auch das dürfen wir stehen lassen. Eine gute Rede macht nicht aus jedem Gefühl einen erklärbaren Satz.
Liebe braucht keine Beweisführung
Vielleicht ist die schönste Antwort auf meine Frage tatsächlich: „Ich weiß nicht, warum. Ich liebe sie einfach.“ Ich mag daran, dass dieser Mensch gerade nicht versucht, einen anderen durch Eigenschaften zu begründen. Er sagt etwas über seine Entscheidung, seine Verbundenheit und seine Zuneigung. Er betrachtet Liebe nicht wie eine Liste mit Punkten, die jemand erfüllen muss.
Natürlich besteht eine Beziehung trotzdem aus Verhalten. Niemand sollte sich auf eine vermeintlich bedingungslose Liebe berufen müssen, um Respektlosigkeit oder verletzendes Verhalten auszuhalten. Ich spreche hier über die Freiheit, als Mensch geliebt zu werden, nicht über eine Pflicht, in jeder Beziehung zu bleiben. Das sind zwei sehr verschiedene Dinge.
Und was wird daraus für eure Trauung?
Ich möchte in der Zeremonie beides zeigen: Wer dieser Mensch ist und weshalb ihr heute vor euren Gästen Ja zueinander sagt. Seine Eigenheiten dürfen vorkommen. Seine Schwächen auch, soweit ihr darüber liebevoll sprechen könnt. Aber am Ende steht keine Prüfung, die er bestanden hat. Es steht eure Entscheidung.
Vielleicht hat euer Partner Eigenschaften, die ihr bewundert. Dann erzählt mir davon. Vielleicht könnt ihr nur beschreiben, wie ihr euch neben ihm fühlt. Auch damit kann ich arbeiten. Manchmal frage ich: „Was würdest du vermissen, wenn er heute Abend nicht nach Hause käme?“ Und plötzlich sprechen Menschen ganz anders. Über den Klang eines Schlüssels in der Tür. Über ein gemeinsames Abendessen. Über die Art, wie ein Blick verstanden wird.
Genau diese Sätze suche ich. Nicht, um Liebe zu erklären, bis nichts Geheimnisvolles mehr übrig bleibt. Sondern um zu zeigen, wie sie in eurem Alltag eine Form bekommt.
Eine freie Trauung soll euch nicht überzeugen, dass eure Beziehung gut genug ist. Ihr seid bereits da. Ihr habt euch entschieden. Und ich darf für einen Moment erzählen, was daran so kostbar ist.
Noch ein Gedanke zum Wort „weil“
Natürlich darfst du sagen, warum du jemanden liebst. Ich würde nur nicht so tun, als sei die Beziehung damit vollständig erklärt. Vielleicht bewunderst du etwas an diesem Menschen. Vielleicht hat er dir in einer schweren Zeit beigestanden. Diese Erfahrungen sind Teil eurer Geschichte, aber sie sind keine Punkte, die ihr im Leben immer wieder neu erreichen müsst. Euer Ja darf größer sein als eine Liste von Gründen.
Eine Frage, die ich Paaren gern mitgebe
Wenn du deinem Partner einen einzigen Satz sagen könntest, der nicht erklärt, was er leistet, sondern wer er für dich ist: welcher wäre das? Vielleicht brauchst du Zeit für eine Antwort. Das ist gut. Du musst nicht beim ersten Versuch zu einer Formulierung kommen, die auf einer Hochzeitskarte stehen könnte. Vielleicht wird daraus etwas ganz Schlichtes: Ich bin gern in deiner Nähe. Ich möchte dir Dinge erzählen. Bei dir muss ich nicht so tun, als hätte ich alles im Griff.
Ich mag diese Antworten, weil sie nicht glänzen müssen. Sie zeigen eine Verbindung, die im Alltag besteht. Und genau darum darf es in einer freien Trauung gehen.
Ich sammle keine Komplimente für eine Liste. Ich suche das, was diesen einen Menschen erkennbar macht. Und oft liegt es in einem ganz gewöhnlichen Dienstag.
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