Das Handwerk

Ich schreibe Trauerreden für meine Freunde.

Warum wir liebevolle Worte früher sagen sollten.

Zweig im warmen Licht
Vielleicht sollte ich diese Rede viel früher halten
Das Handwerk 25. September 2026 · 5 Minuten

Ich schreibe Trauerreden für meine Freunde. Nicht tatsächlich. Jedenfalls hoffe ich sehr, dass ich sie noch lange nicht halten muss. Aber in meinem Kopf entstehen manchmal Sätze über Menschen, die noch mitten in ihrem Leben stehen. Und irgendwann habe ich mich gefragt, weshalb wir ihnen diese Worte nicht jetzt schon schenken.

Aber es sind so faszinierende Menschen.

Menschen, die so viel erreicht haben. Die so viele Kämpfe kämpfen, meist im Stillen. Die so viel Kraft haben und den Menschen in ihrem Leben so viel schenken. Was sie selbst meistens gar nicht sehen können.

Ich kann es sehen. Das ist eine Berufskrankheit, und es ist die schönste, die ich kenne. Wer beruflich Leben in Worte fasst, hört irgendwann nicht mehr auf damit. Auch nicht bei den Menschen, die noch mitten drin stecken.

Der Gedanke dahinter

Und irgendwann kam die Frage, die nicht mehr wegging: Vielleicht ist es an der Zeit, aufzuhören, erst am Ende eines Lebens all das zu erzählen.

Vielleicht sollte ich diese Rede viel früher halten. Und nicht nur in meinem Kopf.

Auf freien Trauungen tue ich es ja längst. Auf Kinderwillkommensfesten und Jubiläen auch. Da sitzt ein Mensch, hört seine eigene Geschichte und versteht zum ersten Mal, wie sie von außen aussieht.

Nur die, die gerade kein Fest haben, gehen leer aus. Dabei bräuchten manche von ihnen diese Worte dringender als jedes Brautpaar.

Was auf einer Beerdigung zu spät kommt

Das Bewegendste an einer Trauerfeier ist oft nicht die Trauer. Es ist der Moment, in dem die Familie Dinge über einen Menschen hört, die er selbst nie geglaubt hätte. Wie oft habe ich danach den Satz gehört: Das hätte er mal hören sollen.

Er hätte. Sie hätte. Wir alle hätten.

Eine Rede über einen lebenden Menschen ist kein makabrer Gedanke. Sie ist das Gegenteil: die Trauerrede, die niemand vermissen muss, weil sie rechtzeitig kam.

Und meine Freunde

Euch, meinen lieben Freunden, will ich an dieser Stelle sagen: Ihr seid mit all euren Nervigkeiten wundervoll.

Die Reden in meinem Kopf bleiben vorerst da, wo sie sind. Aber wenn ihr euch irgendwann fragt, warum ich euch beim Erzählen so ansehe. Jetzt wisst ihr es. Ich schreibe mit.

Die Dinge sagen, solange jemand sie hören kann

Ich begegne beruflich vielen Lebensgeschichten, die erst am Ende öffentlich gewürdigt werden. Dann sitzen Angehörige im Raum und hören, wie besonders dieser Mensch war. Wie viel er gegeben hat, oft ohne selbst zu wissen, dass es gesehen wurde.

Vielleicht können wir damit früher anfangen. Nicht erst bei einer Hochzeit, einem Jubiläum oder einer Beerdigung. Sondern an einem ganz normalen Tag. Ein Brief, ein Wortporträt, ein bewusstes Gespräch kann etwas sichtbar machen, das im Alltag sonst untergeht. Es braucht dafür weder eine Bühne noch einen bestimmten Anlass.

Wem würdest du heute schon Worte schenken?

Denk an einen Menschen, bei dem du sofort fünf Eigenschaften aufzählen könntest. Vielleicht hast du ihm noch nie gesagt, welche kleine Sache du an ihm besonders liebst. Vielleicht hältst du ihn für so stark, dass du vergisst, dass auch er diese Worte hören könnte.

Ich finde, dafür muss niemand erst einen runden Geburtstag oder ein Jubiläum feiern. Ein Brief kann reichen. Ein gemeinsamer Kaffee. Ein Text, der ganz ohne Anlass erzählt, was du in diesem Menschen siehst. Nicht als große Überhöhung. Sondern als aufmerksamer Blick auf sein Leben.

Was daran meine Arbeit verändert

Wenn ich an solchen Texten denke, möchte ich nicht dieselbe Rede früher halten, die ich sonst bei einer Beerdigung schreiben würde. Ein Mensch, der lebt, darf reagieren, widersprechen, lachen und etwas ergänzen. Das ist eine wunderbare Möglichkeit.

Vielleicht entstehen daraus andere Formen meiner Wortmalerei. Texte, in denen ein Mensch sich selbst wiedererkennt, ohne dass vorher ein Abschied geschehen sein muss. Für mich ist das keine Abkehr von Trauerreden. Es ist eine Fortsetzung dessen, was ich in ihnen gelernt habe: Wir sollten nicht warten, bis Worte niemanden mehr erreichen können.

Wertschätzung darf eine eigene Form bekommen

Vielleicht möchtest du keinen langen Brief schreiben. Dann reichen ein paar Sätze. Vielleicht würdest du gern eine Lebensgeschichte verschenken, die zeigt, was du in einem Menschen siehst. Dann darf es auch mehr sein. Die Länge ist nicht entscheidend. Ich finde wichtig, dass wir von der Person erzählen, nicht von einem abstrakten Ideal.

Genau dort liegt für mich die Verbindung zwischen meinen Zeremonien und solchen Wortporträts: erst zuhören, dann sehen, was besonders ist, und schließlich Worte finden, die nicht austauschbar wären.

Nicht jeder Mensch kann Lob leicht annehmen

Vielleicht reagiert jemand verlegen, wenn du ihm sagst, was du an ihm bewunderst. Vielleicht macht er einen Witz oder wechselt schnell das Thema. Dann musst du nicht noch lauter werden. Du kannst bei deiner Beobachtung bleiben und sie ihm schenken, ohne eine bestimmte Reaktion zu erwarten.

Auch das gehört für mich zu guten Worten: Sie sollen nicht beweisen, wie aufmerksam der Absender ist. Sie sollen dem anderen etwas geben, über das er selbst entscheiden darf. Vielleicht legt er den Brief zur Seite und liest ihn erst Wochen später noch einmal. Das ist genauso wertvoll wie eine sofortige Umarmung.

Ich möchte nicht weniger Trauerreden schreiben. Ich möchte mehr Menschen die Gelegenheit geben, ihre eigenen liebevollen Worte noch selbst zu hören.

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Sehen. Benennen. Bewahren. · Niemals könnte ich euch verwechseln.

Daria Pfeiffer
Daria Pfeiffer Freie Rednerin · Duisburg & NRW · über 100 Zeremonien

Ich begleite Menschen bei den Übergängen, die zählen. Ich schreibe keine Standardreden. Ich suche die Essenz eines Menschen und male sie in Worte. Meine Geschichte

Autorin von »In Zeremonie mit Dir«, »Eure Essenz« und »Wenn es Dich erwischt«.
Stilpunkte 2025 & 2026 · Zertifizierte Freie Rednerin (IHK Köln).

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