Zwei Trauern, ein Kind.
Warum Paare nach einer Fehlgeburt dasselbe verlieren und doch nicht gleich trauern.

Ihr habt dasselbe verloren. Und ihr verliert es nicht gleich. Das ist die erste Wahrheit, und sie wird selten ausgesprochen.
Eine war der Körper, in dem es geschah. Der andere hat zugesehen, wie etwas geschah, das er nicht anhalten konnte. Eine trauert vielleicht laut, seit Wochen. Der andere hat gearbeitet, funktioniert, organisiert. Und weint vielleicht erst Monate später, an einem ganz anderen Ort. Oder nie sichtbar. Auch das ist Trauer.
Wie ein Abschied für ein Sternenkind aussehen kann, steht im Text über den Abschied von einem Sternenkind. Hier geht es um das Paar.
Der Mensch, den niemand fragt
Nach einer Fehlgeburt fragen alle, wie es ihr geht. Den Partner oder die Partnerin fragt kaum jemand. Die Antwort gilt ihr, und dann fragt niemand weiter. Dabei war dieser Mensch derjenige, der sich schon ein Zimmer ausgemalt hat. Der auf dem Weg zur Arbeit Namen durchgegangen ist. Der plötzlich stark sein sollte, ohne dass jemand gefragt hat, ob er das gerade kann.
Viele erlauben sich ihre eigene Trauer nicht, weil sie glauben, sie stehe ihnen nicht zu. Es war ja nicht ihr Körper. Aber Trauer fragt nicht, wessen Körper es war.
Es gibt auch das andere. Eine Freundin von mir hat ihr Kind früh verloren, und ihr Partner hat nichts gemacht. Kein Wort, keine Geste, kein Innehalten. Er ist zur Arbeit gegangen, hat abends gekocht, hat gefragt, ob sie etwas braucht, und weiter ging es. Für sie war das die zweite Verletzung nach der ersten. Als wäre da nichts gewesen, das man hätte verabschieden müssen.
Ich kenne ihn nicht gut genug, um zu sagen, was in ihm vorging. Vielleicht war es Hilflosigkeit. Vielleicht hat er gedacht, er müsse stark sein, damit sie es nicht sein muss. Vielleicht hat er wirklich nichts gefühlt. Alles drei kommt vor. Für sie machte es keinen Unterschied. Sie war allein mit einem Verlust, den der Mensch neben ihr nicht einmal als Verlust behandelt hat.
Trauer fragt nicht, wessen Körper es war. Sie fragt, wer geliebt hat.
Wenn die Trauer verschieden aussieht
Unterschiedliche Trauer kann ein Paar auseinanderbringen, gerade wenn sie unausgesprochen bleibt. Sie denkt, ihm sei es nicht so wichtig, weil er nicht weint. Er denkt, er müsse sie schützen, und schweigt deshalb über das, was ihn selbst beschäftigt. Beide fühlen sich allein, nebeneinander.
Was ein Paar dann braucht, ist nicht dieselbe Trauer. Es ist ein gemeinsamer Ort für zwei verschiedene. Ein Moment, in dem beide sagen dürfen, was für sie war, ohne dass der andere es gleich empfinden muss. Ein Abschied zu zweit kann so ein Ort sein. Nicht, weil sie ihn braucht und er dabei ist. Sondern weil beide jemanden verabschieden.
Was ein Abschied zu zweit leisten kann
Ein gemeinsamer Abschied zwingt niemanden zu einer gemeinsamen Trauer. Er gibt zwei Trauern denselben Tisch. Jeder kann sagen, was für ihn gewesen ist. Jeder kann einen eigenen Brief schreiben. Manches sagt jeder für sich, weniges sagt man zusammen.
Und wenn einer von beiden nichts sagen kann: Schweigen gilt. Schweigen in Gegenwart des anderen ist etwas anderes als Schweigen allein. Oft ist es das erste Mal seit Wochen, dass zwischen beiden etwas liegt, über das sie nicht hinwegreden.
Wenn einer schneller weitermöchte
Ein häufiger Riss: Einer möchte bald wieder schwanger werden, der andere kann sich das noch gar nicht vorstellen. Beides ist verständlich. Der Wunsch nach einem neuen Kind ist kein Verrat am verlorenen, und die Angst davor ist kein fehlender Mut. Was nicht ausgesprochen wird, wird irgendwann zur stillen Rechnung: wer wem gerade im Weg steht.
Später
Unterschiedliche Trauer bleibt oft unterschiedlich. Am errechneten Termin ist einer vielleicht ruhig und der andere nicht. Beim nächsten positiven Test freut sich einer, und der andere hat Angst. Das muss sich nicht angleichen. Es reicht, voneinander zu wissen.
Und manchmal ist es leichter, über das gemeinsame Kind mit jemand Drittem zu sprechen, mit einer Hebamme, einer Beratungsstelle, einer Gruppe für Sternenkind-Eltern. Auch das ist kein Zeichen, dass die Beziehung nicht trägt. Es ist ein Zeichen, dass beide den Verlust ernst nehmen.
